Schwerpunktthema des gerade erschienenen ersten Bandes von kontrapunkt bildet die "Methodologie qualitativer Sozialforschung". In Kontinuität zu den beiden letzten Heften der ZfHS, der Doppelausgabe 1998 und der Doppelausgabe 1999, in denen hierzu bereits eine lebhafte Debatte geführt wurde, gehen die Autoren der Frage nach, ob und inwiefern qualitative Sozialforschung eine eigenständige Methodologie erfordert. Vor dem Hintergrund der in den vergangenen Jahrzehnten mit Nachdruck verfolgten Bemühungen, der herkömmlichen Wissenschaftstheorie ein "interpretatives" respektive "qualitatives" Paradigma entgegenzusetzen, kann diese Fragestellung Aktualität und Relevanz für sich beanspruchen.
Kontrapunkt 2001 beginnt mit dem Beitrag "Wozu sind Hypothesen gut? Zum Prinzip der Offenheit in der qualitativen Sozialforschung" von Volker Gadenne. Das Prinzip der "Offenheit" und "Flexibilität" wird seitens qualitativer Sozialforscher als eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale zwischen ihren und den für die sogenannte "quantitative" Vorgehensweise maßgeblichen Postulaten der hypothetisch-deduktiv ausgerichteten Methodologie hervorgehoben. Im Zusammenhang mit der Rolle, die Hypothesen im Forschungsprozeß spielen, klärt Gadenne zunächst die Frage, worin denn nun die Forderung nach Offenheit genau besteht. Wie sich dabei herausstellt, verweist Offenheit nicht auf ein einziges, sondern mindestens auf drei, voneinander zu trennende methodologische Probleme: den Selbstbestätigungs-, den Reaktivitäts- und den Selektionseffekt. Entsprechend ergeben sich auch drei verschiedenartige Offenheitsprinzipien, nämlich einmal das der Offenheit bezüglich konträren Tatsachen, dann das der methodischen Flexibilität und schließlich eines, das die angemessene Offenheit von Hypothesen, welche einer Beobachtung jeweils vorausgehen, betrifft. Gadenne argumentiert, daß einige mit diesen Prinzipien verbundene Forderungen nicht überzeugen können, jene dagegen, die zu Recht erhoben werden, keine Aufteilung in zwei wissenschaftstheoretische Lager unterstützen, da es sich bei ihnen um methodologische Regeln der Sozialforschung im allgemeinen handelt.
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Ebenfalls zum Thema Offenheit äußert sich Gerhard Kleining. "Offenheit als Kennzeichen entdeckender Forschung" heißt sein Beitrag, in dem er Offenheit als eines der Kennzeichen charakterisiert, durch das sich explorative, heuristische Forschung von anderen Methodologien, etwa den hermeneutisch-interpretativen oder den deduktiv-nomologischen, unterscheidet. Die von Kleining vertretene "qualitativ-heuristische" Forschung sieht vier Grundregeln vor, deren Verwendung Entdeckungen ermöglichen soll. Die erste fordert das Offensein der Forschungsperson gegenüber ihrem Forschungsgegenstand, die zweite die Bereitschaft, eventuell auftretende Veränderungen des Forschungsgegenstands zu akzeptieren. Als Ergänzung der in diesen beiden Regeln zum Ausdruck kommenden "rezeptiven" Offenheit, führt Kleining aus, sei eine "aktive" notwendig. Um sie zu erreichen, ist Regel 3 gedacht, die eine Abbildung des Forschungsgegenstands unter maximal strukturell verschiedenen Perspektiven verlangt. Während dadurch im Forschungsprozeß die Daten so stark wie möglich "geöffnet" werden sollen, wird mit der letzten Regel, der Anweisung, die verschiedenen Daten auf ihre Gemeinsamkeiten hin zu analysieren, ein "Schließen" der Daten angestrebt.
In ihrem Beitrag "Die sieben Dogmen des interpretativen Paradigmas - Eine Auseinandersetzung mit methodologischen Postulaten der qualitativen Sozialforschung" beschäftigt sich Claudia Hoock ausführlich mit dem Anliegen qualitativer Sozialforscher, durch ein eigenständiges interpretatives Paradigma nicht-standardisierte Erhebungs- und Auswertungsverfahren wissenschaftstheoretisch zu legitimieren. Diskutiert werden die folgenden Dogmen: die These von der Nichtanwendbarkeit des deduktiv-nomologischen Modells der Erklärung (Dogma 1), die These von der Überlegenheit induktiven Vorgehens (Dogma 2), die These von der Abduktion als Grundlage qualitativen Forschens (Dogma 3), die These von der Offenheit qualitativer Sozialforschung (Dogma 4), die These von der Unhaltbarkeit des Wertfreiheitspostulats (Dogma 5), die These von der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung (Dogma 6) und die Holismus-These (Dogma 7). Die Bezeichnung "Dogmen" spielt dabei nicht auf eine a priori feststehende Unhaltbarkeit dieser Thesen, sondern auf den innerhalb der Literatur zur qualitativen Sozialforschung üblichen unkritischen Umgang mit ihnen an. Besonders gründlich untersucht Hoock, was sich hinter der bei Vertretern des interpretativen Paradigmas als "Geheimtip" geltenden Abduktion verbirgt. Ob man unter Abduktion nun einen Modus logischen Schließens, eine Methode der Hypothesenfindung oder lediglich eine Forschungshaltung versteht, das Abduktionskonzept, so lautet ihr Fazit, hat allein forschungspolitische und keine erkenntnisrelevante Bedeutung.
"Erstehen und Verklären bei Siegfried Lamnek" lautet der Titel der "Replik auf die Selbstparodie eines qualitativen Sozialforschers" von Heiko Holweg. Der Beitrag führt die in der Doppelausgabe 1998 der ZfHS begonnene Debatte über die Erklären-versus-Verstehen-Problematik in der empirischen Sozialforschung fort. Auf Holwegs damaligen Beitrag "Erklären oder Verstehen? Die Scheinalternative des qualitativen Paradigmas" hatte Lamnek, Autor eines bekannten Lehrbuchs zur qualitativen Sozialforschung, 1999 in der Doppelausgabe der ZfHS mit dem Aufruf "Erklären und Verstehen", einem "Plädoyer gegen jede apodiktische Einseitigkeit!" reagiert. Darin wies er die Kritik an den zentralen wissenschaftstheoretischen Grundannahmen der interpretativen Forschungsrichtung zurück und griff insbesondere die These an, verstehende Ansätze würden, da auch im Bereich interpretativer Sozialforschung kausale Erklärungen, Bezüge auf nomologisches Wissen sowie deduktives Hypothesentesten unumgänglich seien, keine Alternative zu einem deduktiv-nomologischen Vorgehen darstellen. In der aktuellen Replik setzt sich Holweg ausführlich mit Lamneks Einwänden auseinander und versucht zugleich aufzuzeigen, inwiefern dessen Ausführungen auf grundsätzlichen Mißverständnissen und mangelnden methodologischen Kenntnissen beruhen, wodurch sie an den zur Diskussion stehenden Problemen vorbeigehen. Dem Motto "Leben und leben lassen" aus Lamneks Plädoyer stellt Holweg eine pointiert argumentierende Polemik entgegen.
Im "Teil 3" der Diskussion über "Methodenprobleme psychoanalytischer Sozialforschung" führt Jan M. Böhm die in der Doppelausgabe 1998 der ZfHS begonnene Kritik an bestimmten Aspekten tiefenpsychologischer Datenerhebung und Textinterpretation weiter aus. Die intersubjektive Nachprüfbarkeit interpretativer Hypothesen gilt ihm hierbei als methodologisches Kriterium zur Berurteilung psychoanalytischer Verfahren in der empirischen Sozialforschung. Im Zentrum der Debatte stand bislang die von der Internationalen-Erich-Fromm-Gesellschaft durchgeführte Studie "Die Charaktermauer - zur Psychoanalyse des Gesellschafts-Charakters in Ost- und Westdeutschland"; eine Untersuchung, die nach Auffassung Böhms bestimmte Fehlleistungen psychoanalytischer Sozialforschung im Vergrößerungsspiegel zeigt. In seinem aktuellen Beitrag reagiert der Autor auf die Replik Petra Tauschers, Verfasserin des wissenschaftstheoretischen Kapitels der "Charaktermauer", aus der ZfHS Doppelausgabe 1999. Unter anderem kritisiert Böhm den von Tauscher in abgeschwächter Form verteidigten psychoanalytischen Anspruch auf "Wesenserkenntnis" bzw. auf eine Totalerfassung des Menschen. Außerdem wendet er sich gegen die in der "Charaktermauer" praktizierte Pathologisierung der Interviewpartner sowie die dort sichtbar werdende Preisgabe relevanter Gütekriterien empirischer Sozialforschung, beides schwerwiegende Probleme eines psychoanalytischen Vorgehens, deren Auftreten im Rahmen der Untersuchung der Fromm-Gesellschaft Tauscher bestreitet.
Nathalie Ponard beschäftigt sich in ihrer "Studie zu französischen Aktivistinnen" mit dem Thema "Frauen und Rechtsextremismus". In einer Reihe ausführlicher Interviews widmet sich Ponard der Frage, aus welcher Motivation sich Frauen in rechtsextremen Parteien engagieren. Weiterhin wird untersucht, welche Stellung Aktivistinnen in diesen Parteien einnehmen. Ausgangspunkt für die Studie war die Problemsituation, daß gerade in rechten Parteien traditionelle Frauenbilder dominieren, die eine aktive politische Mitarbeit von Frauen auszuschließen scheinen. Dennoch gibt es eine größere Anzahl von Aktivistinnen in den rechtsextremen französischen Parteien. In ihrem Beitrag für kontrapunkt steht das Interview mit "Aurélie" im Zentrum, das Aufschluß bietet darüber, welche biographischen Erfahrungen eine junge Frau für die Mitarbeit in rechten Parteien motivieren können. Neben der Entwicklung eines politisch desinteressierten Mädchens zur rechten Aktivistin zeigt das Gespräch mit Aurélie außerdem, wie stark junge Frauen in ihrem Engagement von gleichaltrigen Männern beeinflußt sind: Ihr politisches Engagement macht Aurélie hauptsächlich vom Willen ihres Mannes abhängig, den sie beim Front National kennengelernt hat und als "Chef" der Familie sieht.
Außerhalb des Schwerpunktthemas setzt sich der chilenische Anthropologe Ingo Gentes im "Offenen Forum" mit der Frage auseinander, inwiefern die Ideen des Kommunitarismus einen Ausgangspunkt darstellen für neue, gemeinschaftsbildende Prozesse. Hierbei geht es ihm in seinem Beitrag "Kollektives Recht und Kommunitarismus als gesellschaftliches Modell der Zukunft" besonders um das Verhältnis von liberaldemokratischem Rechtsstaat, bestimmten gemeinschaftsstiftenden Konzeptionen von "gutem Leben" und den Rechten von kulturellen Minderheiten. Ziel einer kommunitaristischen Gesellschaft sei es, eine Synthese von Tradition ("auf Tugenden basierende Ordnung") und Moderne ("Autonomie des Individuums") zu erreichen. Eine dauerhafte Aufgabe sieht Gentes darin, ein Gleichgewicht zwischen Rechten der Gemeinschaft und Rechten des Individuums zu schaffen.