Editorial


Humanistische Sozialwissenschaft ist der Versuch, das wissenschaftliche Objektivitätsideal zu verbinden mit einem emanzipatorischen Ethos, das auf die kritische Durchleuchtung jener gesellschaftlichen Verhältnisse zielt, die der vollen Entfaltung des Menschen entgegenstehen.


Humanistische Sozialwissenschaft bedeutet zugleich die Erkenntnis, daß unser Wissen von den Lebensbedingungen, die zu menschlichem Wachstum beitragen, noch allzu beschränkt ist. Eine "kritische Theorie" der Gesellschaft, die diesen Namen verdient, verharrt weder im resignativen und billigen Pathos der Negation des Bestehenden noch in der selbstgefälligen Illusion, über eine umfassende Theorie des gesellschaftlichen Geschehens zu verfügen. Stattdessen analysiert sie Ausschnitte sozialer Realität und sucht nach Wegen, diese Realität gemäß dem humanistischen Wertmaßstab zu verändern.


Anpassung oder Emanzipation lautet das Thema des ersten Beitrags der Zeitschrift für Humanistische Sozialwissenschaft (ZfHS). Im Jahre 1994 wurde von den Autoren eine empirische Studie an ca. hundert Münsteraner Studentinnen und Studenten durchgeführt, die sich an der Charakterologie und analytischen Sozialforschung Erich Fromms orientiert hat. Schwerpunkt der Studie ist die Frage: Passen sich Studenten in ihrer Mehrzahl den Erwartungen ihres gesellschaftlichen Umfelds an, oder entwickeln sie persönliche Autonomie und emotionale Selbständigkeit? - Gemäß der analytischen Sozialforschung Erich Fromms hat diese empirische Untersuchung an Studenten nicht lediglich bewußte Einstellungen oder Meinungen zum Gegenstand. Vielmehr wurde versucht, mit Hilfe projektiver Fragen grundlegende psychische Orientierungen zu ermitteln.


Normative Sozialwissenschaft wird häufig verstanden als Gegensatz zur Forderung nach wertfreier Wissenschaft. Doch das Postulat der Werturteilsfreiheit, vertreten von Max Weber und dem kritischen Rationalismus, läßt sich vereinbaren mit engagierter Sozialwissenschaft. Der zweite Schwerpunkt der ZfHS 1/96 besteht in einer Analyse des Prinzips der Wertfreiheit und des Versuchs seiner Überwindung durch die frühe Frankfurter Schule.



Tübingen, den 27.Februar 1996
Jan M. Böhm und Claudia Hoock