Demokratische Vielfalt bedeutet für Platon sittlichen Verfall. An der ZfHS 2/96 hätte der große Denker vermutlich wenig Gefallen gefunden: Philosophie, Statistik, Psychoanalyse und historische Forschung sind hier in einem Bändchen vereint. Doch worin besteht die Einheit in dieser Vielfalt?
Alle Aufsätze dieser Ausgabe gehen aus vom Prinzip der Kritik: einer Ideologiekritik des politischen Programms Platons, einer historischen Kritik der Umstände, die trotz erlebten Leidens zur Akzeptanz des Krieges führen, sowie einer zweifachen Selbstkritik; der Einsicht eines Psychotherapeuten in die Begrenztheit einer zentralen psychoanalytischen Technik und der freiwilligen Selbstbeschränkung eines anderen Autors bei der Auswahl und Interpretation von Statistiken.
Der Aufsatz "Pax Platonica - Das totalitäre Herrschaftsmodell der Politeia" diskutiert die These Karl Poppers, Platons politische Philosophie sei der Entwurf eines totalitären Staates. Hierbei wird untersucht, ob es modernen Apologeten Platons gelungen ist, Poppers Vorwurf zu widerlegen.
In dem Beitrag "Anpassung oder Emanzipation, Teil II" wird eine knappe Zusammenfassung einiger Statistiken gegeben, die den Leser der ersten, qualitativen Auswertung der Studentenuntersuchung interessieren könnten: Neben der univariaten Datenanalyse dürfte die Interpretation der einen oder anderen Kreuztabelle Beachtung verdienen, etwa die Korrelation von Geschlecht und Charakterorientierung. Gesicherte statistische Ergebnisse sollte der geneigte Leser aber angesichts der relativ kleinen Zahl der Befragten nicht erwarten.
Die sog. "Resonanz des Therapeuten" (oft auch "Gegenübertragung" genannt) spielt
eine wichtige Rolle in der psychoanalytischen Therapie, aber auch bei der Auswertung
tiefenpsychologischer Interviews.
"Die Resonanz des Therapeuten - ein zuverlässiges Instrument?" lautet das Thema
eines Aufsatzes, in dem ein Therapeut seine Erfahrungen in psychoanalytischen
Supervisionsgruppen anschaulich schildert und dabei die Begrenztheit der "Resonanz"
argumentativ nachweist.
Der letzte Beitrag der ZfHS 2/96 befaßt sich mit Einstellungen zum Krieg: "Wo die Noth am größten, ist die Hülf' am nächsten!" gibt dabei die Geisteshaltung einer kleinen Gruppe württembergischer Soldaten wieder, die trotz erlittener Entbehrungen und Qualen auch in der Rückschau auf den Russlandfeldzug (1812) in Fatalismus und Indifferenz verharren.
Tübingen, den 9.Dezember 1996
Jan M. Böhm und Claudia Hoock