Nachdem die letzte Ausgabe der ZfHS auf die Praxis der Sozialforschung ihren Schwerpunkt setzte, befaßt sich dieses Heft mit sozialwissenschaftlicher Methodologie: Kritisch beleuchtet werden Ansätze qualitativer Sozialforschung, die den Anspruch erheben, ein alternatives Paradigma wissenschaftlichen Erkennens gefunden zu haben. Muß eine humanistische Sozialwissenschaft, die dem Menschen gerecht werden will, auf kausales Erklären, formale Logik und nomologisches Wissen verzichten? Stellt das interpretative Paradigma eine humanistische Alternative zur herkömmlichen Wissenschaft dar, indem nicht länger das Erklären menschlichen Verhaltens, sondern das Verstehen menschlicher Subjekthaftigkeit zum Ziel der Forschung gemacht wird?
"Erklären oder Verstehen" lautet daher der erste Beitrag der
ZfHS 1998.
Heiko Holweg wendet sich den Ansprüchen des qualitativen Paradigmas in einer gründlichen
wissenschaftstheoretischen Studie zu. Nach einer prägnanten Einführung in die Logik
der Forschung werden die verschiedenen Kritikpunkte an dem deduktiv-nomologischen
Modell der kausalen Erklärung analysiert und die Unhaltbarkeit dieser Einwände herausgestellt.
Das "qualitative Paradigma" erweist sich damit nicht als Alternative, sondern als eine Illusion.
Der zweite Beitrag untersucht eine spezifische Ausprägung des interpretativen Ansatzes: Psychoanalytische Verfahren der Sozialforschung lassen sich dem Bereich hermeneutischer Methoden zurechnen; zugleich beanspruchen sie die Erkenntnis der dynamischen Tiefenstruktur des Menschen. In einer losen Serie von Aufsätzen widmet sich die ZfHS den "Methodenproblemen psychoanalytischer Sozialforschung". Der erste, in diesem Heft vorliegende, Teil untersucht anhand einer exemplarischen psychoanalytischen Studie zentrale Probleme des analytisch-interpretativen Ansatzes. Die Pilotstudie der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft mit dem Titel "Die Charaktermauer" bietet hierbei einen hervorragenden Gegenstand kritisch-methodologischer Forschung.
Die ZfHS 1998 schließt mit einem gleichfalls erkenntniskritischen Beitrag. Albert Camus' "Der Mythos von Sisyphos" kann als Standardwerk einer säkular-humanistischen Existenzphilosophie gelten. Was folgt für den Menschen aus einer Welt ohne Gott? - Camus versucht, seine philosophische Ethik aus dem Fehlen einer absoluten Sinngebung abzuleiten. Doch inwiefern ist seine Argumentation schlüssig?
Emkum, den 31.Dezember 1998
Jan M. Böhm und Claudia Hoock