Editorial


Die Doppelausgabe 1999 der ZfHS widmet sich erneut der Diskussion über sozialwissenschaftliche Methodologie. Im Vordergrund steht hierbei die wissenschaftstheoretische Reflexion über "verstehende" Verfahren in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


"Der Teufel steckt im Detail"; das Interview mit Hans Albert, dem Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus in Deutschland und bekannt durch zahlreiche Kontroversen in der deutschen Philosophie und Sozialwissenschaft, thematisiert dessen Leben und Werk. Das Interview führt zugleich ein in Grundgedanken der kritisch-rationalen Wissenschaftstheorie.


"Hermeneutik als Kunstlehre des Verstehens" ist der Titel eines umfangreichen Beitrages, der - in Anknüpfung an die klassische Verstehenslehre des 17. und 18. Jahrhunderts - die Grundlinien einer kritisch-rationalen Hermeneutik skizziert. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die Idee einer Hermeneutik als Kunstlehre regelgeleiteten Verstehens zu rehabilitieren und den klassischen Ansatz der hermeneutica generalis methodologisch zu präzisieren.
Dies geschieht in Abgrenzung und Auseinandersetzung mit den beiden einflußreichsten Hermeneutik-Konzeptionen in Philosophie und Sozialwissenschaft: Zum einen der philosophischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers, die im Anschluß an Martin Heidegger Methodenprobleme des Verstehens in ontologische Fragen wendet; zum anderen der "objektiven Hermeneutik" Ulrich Oevermanns, welche den Anspruch erhebt, die unverzichtbare methodologische Grundlage für sämtliche Sozial- und Geisteswissenschaften zu bilden.


"Erklären und Verstehen!" - mit diesem "Plädoyer gegen jede apodiktische Einseitigkeit" wendet sich Siegfried Lamnek gegen die von Heiko Holweg in der letzten Ausgabe der ZfHS erhobene Kritik an dem sogenannten "qualitativen Paradigma". In seiner Replik bemängelt Lamnek sowohl den Stil als auch den Inhalt der Ausführungen Holwegs und intendiert eine friedliche Koexistenz beider "Paradigmen".


"Methodenprobleme psychoanalytischer Sozialforschung, Teil 2" stellt die Antwort Petra Tauschers dar auf die Besprechung der psychoanalytischen Studie "Die Charaktermauer" in der ZfHS 1998. Ähnlich wie Lamnek beanstandet auch Tauscher den polemischen Stil der Diskussion und vertritt einen integrativen Standpunkt.


Die Herausgeber sind nun ihrerseits durch die gleichfalls z.T. polemischen Repliken Lamneks und Tauschers weder überrascht noch empört, sondern begrüßen den Fortgang der kritischen Diskussion.


Emkum, den 19.Oktober 1999
Jan M. Böhm und Claudia Hoock