Die "qualitative" Vorgehensweise ist zu einem festen Bestandteil der Sozialforschung geworden. Zahlreiche Projekte fassen ihren Ansatz als qualitativ auf (1). Dennoch ist es nicht leicht, eine kurze und eindeutige Antwort auf die Frage zu geben, worin denn das "qualitative" Element bei dieser Forschungsweise besteht. Wer aus der Philosophie oder Wissenschaftstheorie kommt, mag überrascht sein, dass die Begriffe des Qualitativen und Quantitativen hier für viele Aspekte verwendet werden, die mit der geläufigen Unterscheidung zwischen qualitativen und quantitativen Variablen gar nichts zu tun haben. Sie betreffen den jeweiligen Forschungsansatz als Ganzes und sind zum Teil mit stark polemischen Einwänden und Gegeneinwänden verbunden. Es gibt freilich auch die Auffassung, dass "qualitativ" genannte Verfahren (z.B. offenes Interview, teilnehmende Beobachtung) mit "quantitativen" (z.B. standardisierte Tests, Experimente) gar nicht im Widerspruch stehen, sondern jeweils bestimmten, verschiedenen Untersuchungszwecken dienen. Aber darüber hinaus hat sich ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen zwei Lagern entwickelt, das den Eindruck erweckt, dass es hier nicht nur um verschiedene Untersuchungstechniken geht, sondern um zwei Methodologien, und dass mit einer der beiden etwas nicht in Ordnung ist. Was ist der zentrale Aspekt, der die beiden Methodologien trennt?
Einer der zentralen Aspekte hat jedenfalls mit der Art und Weise zu tun, wie an den Untersuchungsgegenstand herangegangen wird, und welche Rolle Hypothesen und Theorien dabei spielen. Von qualitativer Seite werden "Flexibilität" und "Offenheit" gefordert, zugleich wird der quantitativen Forschung "restringiertes" Vorgehen unterstellt: Sie würde mit vorgefertigten Hypothesen an die Wirklichkeit herantreten, diese Vormeinungen der Wirklichkeit aufzwingen und dabei wichtige (vielleicht die wesentlichen) Tatsachen im Forschungsfeld übersehen (2).
Dies ist ohne Zweifel eine wichtige Problematik. Im Großen und Ganzen hat sich in der Wissenschaftstheorie sowohl der Natur- als auch der Sozialwissenschaften die Auffassung durchgesetzt, dass empirische Forschung stets mit Hypothesen beginnt: Man kann gar nicht beobachten, ohne schon Hypothesen bzw. Theorien zu haben, daher ist jede Empirie ein explizites oder implizites Testen von Hypothesen. Andererseits ist "Offenheit" aber auch ein Aspekt, der von allen Denkrichtungen als eine Tugend angesehen wird, denn sie drückt ja die Bereitschaft aus, sich von der Erfahrung belehren zu lassen, nicht dogmatisch an Vormeinungen festzuhalten. Liegen vielleicht nur Missverständnisse vor, wenn Offenheit als trennendes Moment zweier methodologischer Richtungen akzentuiert wird? Im Folgenden möchte ich das Thema "Offenheit" im Zusammenhang mit der Rolle von Hypothesen diskutieren. Zunächst soll geklärt werden, worin die Forderung nach Offenheit genau besteht. Hierzu greife ich auf Ideen zurück, die von den Pionieren qualitativer Sozialforschung stammen, etwa von Barton und Lazarsfeld sowie Blumer (3). Wir werden sehen, dass in dieser Hinsicht eine Reihe von Forderungen unterschieden werden müssen, die jeweils zu ganz verschiedenen Offenheitsprinzipien führen. Einige davon erweisen sich als nicht überzeugend. Andere können dagegen als methodologische Regeln der Sozialforschung im Allgemeinen akzeptiert werden, sie unterstützen damit keine Aufteilung in zwei methodologische Lager.
Es wird im Folgenden nicht versucht, die qualitative Sozialforschung insgesamt zu bewerten. Auch geht es nicht um spezielle qualitative Verfahren, wie etwa die teilnehmende Beobachtung, das nicht-standardisierte Interview oder Verfahren der Textinterpretation (4). Das Anliegen der folgenden Überlegungen ist es vielmehr, eine Anregung von qualitativer Seite (Offenheit, Flexibilität) aufzugreifen und zu analysieren, inwieweit sie Implikationen enthält, die für Sozialforschung im Allgemeinen nützlich sind. Dies schließt auch diejenigen qualitativen Untersuchungen ein, die sich der Interpretation von (kommunikativen) Handlungen widmen, dem "Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns" (5), denn auch hier geht es um (Deutungs-) Hypothesen und um die Frage, wie viel "Theorie" an welcher Stelle gut ist.
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| Volker Gadenne Geb. 1948, Studium der Psychologie, Philosophie und Wissenschaftstheorie; Dipl.-Psych., Dr. phil; Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Linz, Präsident der Österreichischen Karl Popper-Forschungsgemeinschaft. Arbeitsschwerpunkte: Konstruktion und Prüfung von Theorien, Rationalität der Erkenntnis, Realismusproblematik; Gehirn, Kognition und Bewusstsein, Qualia und mentale Verursachung. |
(1) Einen Überblick über qualitative Verfahren und die zugrunde liegende Methodologie gibt Lamnek, S., Qualitative Sozialforschung, Band 1: Methodologie, 3. Aufl. 1995, Band 2: Methoden und Techniken, 3. Aufl. 1995, München. - Vgl. auch Flick, U., Kardoff, E. v., Keupp, H., Rosenstiel, L. v. und Wolff, S.: Handbuch Qualitative Sozialforschung, 2. Aufl., München 1995.
(2) Vgl. Lamnek, a.a.O., Band 1, S. 129 ff.
(3) Vgl. Barton, A. H. und Lazarsfeld, P. F., Einige Funktionen von qualitativer Analyse in der Sozialforschung, in Hopf, C. und Weingarten, E. (Hg.), Qualitative Sozialforschung (S.41-89), Stuttgart 1979. - Blumer, H., Methodologische Prinzipien empirischer Wissenschaft, in Gerdes, K.(Hg.), Explorative Sozialforschung (S. 41-62), Stuttgart 1979.
(4) Verfahren der Interpretation sind selbst ein umfangreiches Thema. Vgl. zur aktuellen Diskussion der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik im Rahmen einer Abhandlung der Hermeneutik im Allgemeinen: Böhm, J.M., Holweg, H. und Hoock, C., Hermeneutik als Kunstlehre des Verstehens, Zeitschrift für Humanistische Sozialwissenschaft, Jg. 4, Doppelausgabe 1999.
(5) Vgl. Lüders, C. und Reichertz, J., Wissenschaftliche Praxis ist, wenn alles funktioniert und keiner weiß warum: Bemerkungen zur Entwicklung qualitativer Sozialforschung, in Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau 12, 1986, S. 92.
© 2001 Volker Gadenne & kontrapunkt