Hans Albert wurde am 8. Februar1921 in Köln geboren. Er ist bekannt als Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus in Deutschland, als derjenige, der die Philosophie Karl Poppers in zahlreichen Kontroversen mit Vertretern anderer Geistesströmungen verteidigt hat. Zu nennen wären etwa Alberts Auseinandersetzungen mit der sogenannten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, der Transzendentalpragmatik Karl-Otto Apels, der Hermeneutik Gadamers, aber auch mit verschiedenen namhaften Theologen.
Hans Albert, der sich ein lebhaftes Interesse an kontroversen Debatten bis heute bewahrt hat, steht in dem Ruf, ein streitbarer Diskutant zu sein. Der erste Band des Jahrbuchs für kritische Sozialwissenschaft und Philosophie ist ihm zu seinem 80. Geburtstag gewidmet. Es folgen einige kurze Auszüge aus dem biographischen Teil des Interviews, das in der ZfHS 1999 (S.3-19) abgedruckt worden ist.
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(Albert) Ich kann nicht leugnen, daß ich gerne debattiere und daß ich dazu neige, polemische Formulierungen zu verwenden. Aber die Kontroversen, an denen ich mich beteiligt habe, haben meist damit begonnen, daß der kritische Rationalismus attackiert wurde. Das gilt allerdings nicht für meine Kritik der neoklassischen Ökonomie, die in den 50er Jahren begann, zu Beginn meiner akademischen Karriere.
(ZfHS) Wie beurteilen Sie die heutige Situation des Kritischen Rationalismus in der deutschen Philosophie und Sozialwissenschaft?
Der kritische Rationalismus spielt heute in der deutschen Philosophie, so weit ich sehe, keine große Rolle mehr. Allerdings liegt das teilweise daran, daß viele seiner zentralen Thesen inzwischen mehr oder weniger stillschweigend akzeptiert wurden. Es gibt Denker, die heute von ahnungslosen Bewunderern vor allem wegen ihrer strategischen Rückzüge auf Positionen gelobt werden, die seit mehr als 30 Jahren von Karl Popper und anderen kritischen Rationalisten vertreten werden.
Was die Sozialwissenschaften angeht, so gibt es, vor allem in der Ökonomik der deutschsprachigen Länder seit langer Zeit einen gewissen Einfluß des kritischen Rationalismus, teilweise auch in der Soziologie, vor allem soweit ökonomische Einsichten in ihr eine Rolle spielen, wie das zum Beispiel schon für die Arbeiten Max Webers galt, der zu den geistigen Vätern des kritischen Rationalismus gerechnet werden kann.
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Wer sich eingehender mit Ihrer intellektuellen Biographie beschäftigt, dem fallen gewisse Brüche in Ihrer Entwicklung auf. Viele der Positionen, die Sie später kritisierten, hatten Sie in jüngeren Jahren selbst vertreten. Vielleicht wenden wir uns zum Einstieg Ihrem allgemeinen biographischen Hintergrund zu:
Sie wurden 1921 in Köln geboren als Sohn eines Studienrats für protestantische Religion, der auch seinen Kindern den christlichen Glauben vermitteln wollte. Wie nehmen Sie rückblickend die Erziehung durch Ihre Eltern wahr, vor allem im Hinblick auf Ihre geistige und psychische Entwicklung?
Meinen Eltern bin ich dankbar, daß sie meine geistige Entwicklung niemals durch äußeren Druck in eine bestimmte Bahn zu lenken versucht haben.
Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, waren Sie knapp 12 Jahre alt. Welchen Einfluß hatte der Systemwechsel auf Ihre Familie und auf Ihre eigene Entwicklung?
Mein Vater hatte, soviel ich mich erinnere, aus religiösen Gründen Bedenken gegen den Nationalsozialismus, begrüßte aber wie viele andere die außenpolitischen Erfolge der Hitler-Regierung, die uns von den Fesseln des Versailler Vertrages befreiten.
Ich wurde zunächst Mitglied des "Nationalsozialistischen Schülerbundes" und dann des "Deutschen Jungvolks", wandte mich aber später unter dem Eindruck meiner Spengler-Lektüre von der offiziellen Weltanschauung ab und schied aus der nationalsozialistischen Jugendorganisation aus.
Mit 14 Jahren distanzierten Sie sich von der väterlichen Religiosität und wurden Atheist. Wie kam es zu diesem Bruch?
Ich wurde mit atheistischen Auffassungen konfrontiert und bekam keinerlei plausible Gegenargumente, auch nicht im Konfirmandenunterricht des sympathischen und intelligenten Pfarrers, der mich konfirmiert hat.
Etwa zur gleichen Zeit, Mitte der 30er Jahre, wurden Sie Anhänger der Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers, der in seinem Buch "Der Untergang des Abendlandes" eine pessimistische Prophezeiung verkündet - eine typische Form des Historizismus im Sinne Karl Poppers. Wie kommt ein Junge zur Lektüre Oswald Spenglers, während gleichaltrige Karl May lesen?
Wenn ich mich recht erinnere, las ich Spenglers "Jahre der Entscheidung" unter dem Einfluß meines Geschichtslehrers Professor Johannes Grimberg, des besten Pädagogen, den ich bisher erlebt habe, der ein Bewunderer Preußens war.
Was hat Sie an Spengler fasziniert?
An Spengler hat mich vor allem sein an überraschenden Vergleichen und brillianten Formulierungen reicher Versuch fasziniert, die ganze Weltgeschichte mit Hilfe seiner Theorie der Hochkulturen verständlich zu machen, und seine radikale Verabschiedung der üblichen eurozentrischen Geschichtsauffassung.
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Nach dem Krieg, so schreiben Sie in Ihren autobiographischen Anmerkungen, ist Ihr an Spengler orientiertes Weltbild zusammengebrochen, so daß Sie intensiv nach einer neuen Weltorientierung suchten. Sie wandten sich kurzfristig dem Hegelianismus Benedetto Croces zu, dann Max Scheler und Hugo Dingler. Damit verbunden sind philosophische Positionen, die Sie später scharf kritisieren: beispielsweise die Suche nach einem sicheren Fundament der Erkenntnis bei Dingler, die instrumentalistische Deutung der Realwissenschaften bei Scheler. Haben Sie den Eindruck, durch diese biographischen Umwege Ihre heutigen Gegner besser verstehen zu können?
Manche meiner frühen philosophischen Auffassungen habe ich tatsächlich später bei meinen Diskussionsgegnern wiedergefunden. Meinen "Traktat über kritische Vernunft" habe ich unter anderem auch als Kritik an Auffassungen geschrieben, die ich in meiner unveröffentlichten Dissertation "Rationalität und Existenz" selbst vertreten hatte. Natürlich wußte ich sofort, woher der Wind wehte, als ich dann etwa bei Apel, Habermas und Lorenzen auf die Spuren der Denker stieß, die ich hinter mir gelassen hatte.
Woher wehte denn nun der Wind bei Apel, Habermas und Lorenzen?
Lorenzens Auffassungen gingen zum Teil auf die Dinglersche Wissenschaftslehre zurück. Apel und Habermas entwickelten eine Wissenschaftslehre, die man als eine Weiterführung der Schelerschen Lehre auffassen kann.
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Mitte der 50er Jahre lernten Sie die Arbeiten Karl Poppers kennen und distanzierten sich zunehmend vom logischen Positivismus. Welche Vorzüge sahen Sie damals in der Position Poppers im Vergleich mit positivistischen Auffassungen?
Durch die Arbeiten Karl Poppers wurde ich auf die Schwächen des Positivismus aufmerksam, vor allem auf die unhaltbaren Sinnlosigkeits-Thesen, das eingeschränkte Rationalitätsverständnis und die Verbannung wichtiger Probleme aus dem philosophischen Denken, die für den Positivismus charakteristisch war.
Könnten Sie auf diese Punkte im einzelnen eingehen?
Es geht um die These, daß metaphysische Aussagen sinnlos sind, um die Einschränkungen der Rationalität auf Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis, die Beschränkung der Philosophie auf Wissenschaftslogik, die Akzentuierung der logischen Analyse als einziger Methode und vieles andere, was damit zusammenhängt.
1958 hatten Sie Popper dann persönlich kennengelernt. Welchen Eindruck machte er auf Sie und wie entwickelte sich Ihre Beziehung zu ihm?
Popper beeindruckte mich durch die Intensität, mit der er sich den Problemen widmete, die er zu lösen suchte, durch seinen Scharfsinn und durch seinen unbändigen Erkenntnisdrang. Unsere Beziehung wurde im Laufe der Zeit zu einer echten Freundschaft. Während er meinen ersten Traktat sehr schätzte, hat er in späteren Arbeiten mitunter Abweichungen von seinen Auffassungen entdeckt, die er nicht billigen konnte. Aber sein Wohlwollen und seine Freundschaft sind mir bis zu seinem Tod erhalten geblieben.
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